Analyse – Deutschland vs. Mexiko

Analyse – Deutschland vs. Mexiko

Was war da denn los? Ganz Deutschland ist dabei, sich gegenseitig in den sozialen Medien zu zerfetzten. Alle haben eine Meinung, jeder denkt, dass seine Sicht die Richtige ist. Aber alle scheinen sich weites gehend einig zu sein, dass die Niederlage gegen Mexiko ein Ding der Unmöglichkeit ist und die Leistung des Teams eine Katastrophe. Nun, zu diesem Fazit kann man schnell kommen und sicherlich spielt da auch eine Menge Frust und Emotionalität mit, die aufgrund nicht erfüllter Erwartungen entstanden sind.

Aber passt diese Wahrnehmung zum Spiel? War es wirklich so schlecht, wie viele schreiben? Oder gab es auch Erkenntnisse, die einen positiv stimmen? Oder zumindest einige neue Perspektive liefert?
Ich habe das mal versucht und ein bisschen über die Punkte nachgedacht, die mir, und sicherlich auch anderen aufgefallen sind, und was sie bedeuten könnten.
Deshalb möchte ich mit einem wichtigen  Aspekt anfangen.

Die Niederlage war sehr gut

Zuerst einmal denke ich, war sie definitiv berechtigt. Warum erklärt sich im Laufe des Artikels. Wieso sie gut war?

  • Nun, zum einen kam sie genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Einstellung, die Teamfähigkeit, die Leistungsbereitschaft. All das hat man bei den Deutschen kaum bis gar nicht gesehen. MIt so einer Leistung kann man kein Weltmeister werden. Deshalb halte ich es für den allerbesten Zeitpunkt, dass dieses Spiel direkt zu Anfang passiert. Das bringt das gesamte Team wieder auf den Boden der Tatsachen. Man bekommt einen neuen Fokus und wird sich schnell klar, dass es keine einfachen Spiele geben wird und man nicht ein Spiel einfach gewinnen wird, nur weil man Weltmeister wird. Man stelle sich vor, man gewinnt gegen Südkorea, Unentschieden gegen Schweden und dann gibt es die Niederlage gegen Mexiko. Dann wären wir raus. So hat man noch alles in der eigenen Hand.
  • Zum Anderen holt das auch alle Fans von einer Erwartung runter, die natürlicher und verständlicher Weise auf dem amtierenden Weltmeister liegt. Aber vielleicht ist das oft das Problem. Dabei geht es dann vor allem für die Spieler um Druck. Mir fehlte im Spiel gegen Mexiko vor allem die Leichtigkeit. Es war vieles unkoordiniert, hektisch, planlos und ohne wirkliche Struktur. Mexiko hat es verstanden Deutschland da zu packen, wo es für sie am Einfachsten ist: An ihrem berechenbaren Spielstil. Wie dieser Spielstil aussieht und wie man ihn ändern könnte, dazu habe ich ein paar Aspekte aus dem Spiel im Folgenden beleuchtet.

Es war keine ‘Mannschaft’ zu sehen

Lassen wir die Individualisten, Egoisten Einzelgänger mal sein, was sie sind. Jeder, der in der Nationalmannschaft spielt, hat sich dahin gebracht und bringt Fähigkeiten und Talente mit, die der deutschen Mannschaft gut tun. Was aber unumgänglich ist, und vor allem Aufgabe des Trainerteams, ist die Vereinigung dieser Spieler zu einem homogen funktionierenden Team. Davon war meiner Ansicht nach im gesamten Spiel rein gar nichts zu sehen. Wenn mal etwas nach vorne ging, dann durch Einzelaktionen. Selbst gut gespielte Ballstafetten wurden nur dann gefährlich, wenn einer den Mut gefasst hat, einen Abschluss zu suchen. Und davon gab es wahrlich nicht viele.

Mir fehlte vor allem die Bereitschaft aller, alles für die anderen zu tun. ES wurde für meine Verhältnisse viel zu oft nur gestanden, die Defensive wurde oft allein gelassen. Die Defesnive selbst schaltete sich aber unnötig oft in die Offensive ein und lies dadurch Räume entstehen, die dann keiner auffangen konnte. So enstand auch das Gegentor. Kein Prositionsspiel, Offensive arbeitete nicht schnell genug nach hinten, Defensive ging nach vorne, statt hinten abzusichern. Das wurde in der zweiten Hälfte deutlich besser gemacht, reichte aber nicht aus, um nach vorne Effektivität und Effizienz auszustrahlen. Zu weiten Teilen wurde den Mexikanern nur hinterher gelaufen, auch wenn die nicht zwingend unschlagbar gespielt haben. Aber wenn sich nicht alle zusammenreißen und miteinander zu spielen, füreinander zu kämpfen und als Team das eigene Spiel zu etablieren, dann laufen etliche Sachen schief. Allerdings hat mich aber mehr erschreckt, wie einzelne Spieler aufgetreten sind. Man konnte einigen Spielern eine gewisse Überheblichkeit und Arroganz ansehen, die sich für mich daran deutlich gemacht hat, nicht die Bereitschaft zu zeigen, alles zu geben.

Die Bereitschaft fehlte

Ich habe nichts gegen Mesut Özil. Was er eventuell falsch gemacht hat oder nicht möchte ich nicht bewerten. Ich selbst mache auch Fehler und möchte daraus lernen. Natürlich hat man eine Verantwortung, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Aber wie mit solchen Fehlern heutzutage in den Medien umgeht, ist meiner Ansicht nach weitaus schlimmer. Um aber zum Fussball zurück zu kommen: Ich mag es ganz und gar nicht, wenn so wichtige Spiele nicht ernst genommen werden, oder man den Eindruck bekommt, den Spielern ist die Situation nicht bewusst. Und das was ich bei Özil oft gesehen habe ist, dass er nicht bereit war, bei Fehlpässen oder gegnerischem Ballbesitz die Wege mit zurück zu gehen. Auch wenn Jogi Löw nach dem Spiel sagte, dass zu viele Spieler zu oft mit nach hinten gegangen sind, beziehe ich das eher darauf, dass die Ordnung hinten nicht stimmte und vorne nicht früh genug mit allen gestört wurde, um die Angriffe der Mexikaner direkt zu unterbinden. Özil hat auch viele Bälle gefordert, was ich durchaus gut fand. Es ist aber auch seine Aufgabe und dafür fand ich die Verwertung eher mau. Die Kreativität nach vorne blieb auf weiten Strecken liegen und wirliche Chancen wurden nicht herausgespielt. In so einer Situation hätte ich vermutlich schon eher reagiert und ihn vom Platz gestellt, denn selbst nach der Einwechslung von Reus hat sich am Spielverhalten von Özil nicht viel geändert. Reus hat viele mitgerissen, bei Özil hatte ich die meiste Zeit den Eindruck, dass er nur mitläuft. Und so Spieler kann man meines Erachtens bei einer WM nicht gebrauchen. Die sind nicht da, um gut auszusehen, oder nett mitzuspielen. Sie sollten gewinnen wollen und die Qualität auf den Platz bringen, die dem Team nachgesagt wird.

Unverständliche Eigenwahrnehmung

Was mich aber besonders gestört hat war das große Durcheinander, dass ich auf dem Platz wahrgenommen habe. Die Koordination der einzelnen Positionen kam für mich nicht zum tragen. Hier war auch das Gegentor ein Sinnbild des Spielsystems. Schon vorher hatte Hummels einige Male den Weg nach vorne gewagt und dadurch große Lücken in die letzte Abwehr Reihe gerissen. Für mich stellte sich da die Frage, was ihn dazu bewegt hat. Denn im Interview nach dem Spiel beschwerte er sich darüber, hinten allein gelassen worden zu sein. Aber gerade, wenn er diese Wahrnehmung auf dem Platz hatte, sollte er doch erst recht hinten bleiben und sicher gehen, dass sie in keinen Konter laufen oder die Mexikaner die Möglichkeit bekommen könnten in Strafraum Nähe zu gelangen. Stattdessen sah man von ihm aber oft zu riskante Aktionen nach vorne, wodurch hinten kein sicheres Positionsspiel mehr gewährleistet werden konnte. Wenn man also schon Kritik an den Mitspielern übt, sollte man sich sicher sein, nicht selbst gleiche Fehler gemacht zu haben. Denn soviel ist nach den Analysen des Tors rausgekommen: Hummels hatte einen großen Anteil daran, dass es überhaupt zu dem Konter kam. Daher ist so eine Einschätzung in der Öffentlichkeit mehr als unverständlich. Spricht für mich aber für einen Teil aus dem ersten Absatz, dass es Löw noch nicht gelungen ist, aus den vielen Einzelkönnern, ein Team zu kreieren.

Dem Team fehlt es an Typen

Ein letzter Aspekt, der mir aufgefallen ist, ist der fehlende Charakterspieler. Marko Reus hat einen wesentlichen Beitrag dazu beigetragen, dass nach vorne überhaupt etwas ging im deutschen Spiel. Aber ich schätze Reus nicht als eine Persönlichkeit ein, der voran geht und die Spieler auch mal zusammenstaucht, wenn es nicht so läuft, wie es soll. Der Mix zwischen antreiben, Mut machen, pushen und auch mal klare Kante zeigen, Stellung beziehen und die Spieler an den von Kahn unlängst genannten Eiern packen. Es fehlt beispielsweise ein Schweinsteiger. Der ist nicht nur mit den Worten voran gegangen, sondern auch mit Taten. Er hat sich aufgeopfert für das Team und war Vorbild für die, die es alleine nicht geschafft hätten, oder sich hängen liesen. Jeder hat noch das blutende Gesicht Schweinis aus dem Finale 2014 vor Augen, als er trotz 3 Fouls an sich weiter machte und bis zum Schluss für das Team kämpfte. Diese Type fehlt enorm im Spiel der Deutschen. Es ist meiner Meinung nach kein wirklicher Leader auf dem Spielfeld. Kroos kann das Spiel gestalten. Zum einen war er aber von den Mexikanern fast das gesamte Spiel gedoppelt, zum anderen sehe ich diese Kompetenz eher im Spielerischen. Wer die Leaderrolle noch am ehesten ausfüllt ist Neuer, aber der kann im Spielfeld von seiner Position einfach nicht so viel ausrichten.

Außerdem fehlten der Mannschaft für mich auch Typen, denen ihr Ansehen, Status und Können egal ist und sich einfach nur für das Team aufgeopfert haben. Wir haben solche Spieler im Kader, aber die saßen leider viel zu lange auf der Bank. Vor allem Reus und Brandt sind für mich da die exemplarischen Beispiele. Brandt kann in seinen jungen Jahren schon so viel mitbewegen und die Spieler dazu bringen, mit seinem lockeren und unbekümmerten Spielstil, es ihm gleich zu tun. Die schon angesprochene Leichtigkeit zeigte er auch in den nur wenigen Minuten, in denen er im Spiel war und kreierte daraus eine der besten Chancen des Spiels – was für sich selbst spricht. Und Reus? Dem merkt man einfach die Leidenschaft, den Willen und die Bereitschaft an, endlich seine erste WM komplett zu spielen und allen zu zeigen, was er kann. Solche Spieler sollte man meiner Meinung nach nicht auf der Bank sitzen lassen.

Die Erwartungshaltung ist groß

Das größte Problem als Fan und als Mannschaft ist sicherlich die Erwartung, die an die Mannschaft gestellt wird. Die entsteht nunmal, wenn man als amtierender Weltmeister in die WM startet. Aber ist die Erwartung gerechtfertigt? Auf jeden Fall! Woran hat es dann gelegen? Ich glaube, viele der Spieler waren sich der Tragweite der Anforderung nicht bewusst und haben den Gegner unterschätzt. Man kann nur mutmaßen, was in den Köpfen vorgeht, aber für mich spiegelte sich die Überheblichkeit darin wieder, dass die Mannschaft den Eindruck erweckte, dass sie ja die Weltmeister sind, also kann man das Spiel schon locker gewinnen. Mexiko ist kein einfacher Gegner, aber – und hier benutze ich mal mein Jargon – wir sind die Geilsten, uns kann keiner was und das machen wir schon. Wenn das ein gesundes Selbstvertrauen ist, aufgrund einer übermäßigen Dominanz an Spielweise, dann könnte ich diese Einstellung verstehen. Aber die Testspiele haben das nicht gezeigt und hoffentlich hat das erste Spiel der Gruppenphase alle soweit in Alarmbereitschaft versetzt, dass jetzt die “guten Trainingseindrücke” nicht der ausreichende Maßstab dafür sind, gegen Schweden zu gewinnen.

Fazit

Ich persönlich bin enttäuscht, dass die Mannschaft nicht das an Qualität abrufen kann, was in ihr steckt. Aber ich glaube, die Niederlage kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Sie war mehr als verdient und hilft hoffentlich dabei, sich wieder auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren, die das Deutsche Team bisher ausgemacht hat. Und dann sieht man hoffentlich gegen Schweden eine andere Mannschaft, die bereit ist, alles zu geben, sich über die eigenen Grenzen aufzuopfern und zu zeigen, dass man ein Team ist und nicht ein Haufen Einzelspieler. Ansonsten ist die Teilnahme an der WM 2018 schneller vorbei, als man sich das gewünscht und erwartet hat.

Kommentiere